Digitale Gemeinde-Infrastruktur: Strassenerfassung & -Taxierung, Projektbegleitung,  Schulung/Support 

Interview TT 9.2.19

Hintergrundinterview zum Artikel im Thuner Tagblatt vom 9.2.2019

Frage: Wie kommt ein Webentwickler dazu, eine Infrastrukturdigitalisierung aufzubauen?
RC: Ursprünglich komme ich aus der Forschung und habe eine fundierte Ausbildung in Biochemie und Chemie. Zudem bin ich seit über 30 Jahren auch im Baugewerbe und der Industrie beratend unterwegs. Vor gut 12 Jahren erhielt ich den Auftrag, für den
Verband für bituminöse Sanierungen von Strassen eine Schulungsdatenbank aufzubauen. Hier ging es um Bitumen, das ja zusammen mit Gesteinskörnungen den Asphalt bildet. Apshalt ist ein geniales Bauprodukt, muss aber mit grösstem Respekt und Sorgfalt
behandelt werden, sonst sind Fehler und damit Strassenschäden schon "vorprogrammiert"!
Frage: Wie dass?
RC: Bitumen wirkt wie Leim und "verklebt" die verschiedenen Gesteinskörnungsgrössen, aber auch Sand und feinste Ascheteile zu einem Mörtel. Da spielen die Temperatur, aber auch andere Einflüsse eine grosse Rolle. Bitumen kommt ja aus der Familie der
Erdölprodukte. Es ist somit verwandt mit Gasen, Benzin, Heizöl, Schmierstoffen etc. Und gerade bei Benzin und Heizöl nützen wir die Vorliebe für die Reaktion mit Sauerstoff, allgemein als "Vebrennung" bekannt. Erst diese Reaktion vieler Erdölprodukte machen
sie zu Energielieferanten. Bitumen ist hier viel gutmütiger, aber auch sehr sensibel auf Sauerstoff. Gelangt zuviel davon vor dem Einbau in eine Strasse in das Bitumen, wird er härter, steifer und "altert" vorzeitig.
Frage: Und wo ist hier die Verbindung zu Euren Digitalisierwerkzeugen?
RC: Strassen sind ein Teil der Lebensadern unserer modernen Gesellschaft. Sie erlauben den raschen Ortswechsel von Personen und Gütern. Seit Jahren weiss man, dass der Zustand der Gemeindestrassen eine grosse Unbekannte ist. Denn nichts ist für die Ewigkeit gebaut. Die Inventaraufnahme dieser Strassen und ihres aktuellen Funktionszustandes sollte rasch, einfach und gut nachvollziehbar möglich sein. Dies erledigen unsere Werkzeuge.
Frage: Aber nicht nur die Strassen?
RC: Unter diesen finden wir häufig ein ganzes Bündel von Leitungen für Abwasser, Wasser, Strom, Gas, Telecom etc. Darum ist hier auch die Koordination mit den Werken wichtig. Denn das Aufgraben einer Strasse ist immer eine Verletzung des Strassenkörpers. Wenn nicht 100% korrekt gemacht, wird dieser Graben zu einem Schadensherd.
Frage: Solche Sachen nehmt Ihr auch auf?
RC: Ja! Parallel zur Erfassung der Strassen können wir ihren Verlauf mit digitalen Plänen der Werkleitungen überblenden. So hat eine Gemeinde ein Gesamtbild und kann besser planen und koordinieren.
Frage: Welche Rolle spielt hier der Ingenieur?
RC: Ingenieure sind die Spezialisten für Planung und Ausführung von Bauprojekten. Dank ihrem Wissen und der Erfahrung können sie die nötigen Berechnungen anstellen, damit ein Bauwerk seine Funktion sicher und zuverlässig erfüllt. Die Verwaltung und der Schutz des Wertes von Infrastrukturen ist nicht eine Kernaufgabe des Ingenieurs. Hier muss die Gemeinde mittelfristig selber aktiv werden.
Frage: Wo sind hier die Hürden?
RC: Generell reagieren die Gemeinden sehr positiv auf unsere Werkzeuge und Dienstleistungen. Das Problem ist aber vielschichtig: Oft fehlen die personellen Ressourcen oder das Fachwissen, um ein eigenes Infrastrukturmanagement aufzubauen. Hier können
wir Hand bieten und die Gemeinde begleiten.
Frage: Sind Kurse eine Lösung?
RC: Definitiv! Ich habe ja als Dozent am Baumeisterzentrum Sursee bereits Erfahrung damit. Wir haben nun mit dem Verband der Bernischen Gemeinden geplant, im 2020 Tageskurse zum Thema anzubieten. Denkbar ist auch ein Schulungszentrum für Gemeinden, welches sowohl die praktischen wie die administrativen Abläufe vermittelt.
Frage: Wer kann da kommen?
RC: Sicher Personen aus der Bauverwaltung bzw. einer Tiefbauabteilung. Aber auch Finanzverantwortliche oder zuständige Gemeinderäte können davon profitieren.
Frage: Ihr bietet ja - nebst den digitalen Werkzeugen - auch Beurteilungen und Auswertungen zu Strassenzuständen an. Woher kommt dieses Wissen?
RC: Wie bereits erwähnt, habe ich vor 12 Jahren eine Schulungsplattform zum Thema "Strassenschäden" aufgebaut. Wenn wir nun eine Strassenetappe besuchen, müssen wir entscheiden, ob sie z.b. rot, also in schlechtem Zustand ist oder orange und so mit
geeigneten Unterhalts- und Reparaturmassnahmen "gerettet" werden kann. In Sursee arbeite ich mit den angehenden Bauführern an diesem Thema. Eigentlich habe ich dazu in den letzten 4-5 Jahren den "Doktor" gemacht, ca. 150 aktuelle Studien zu Asphalt
und Schadensbildung studiert und mit vielen Praktikern gesprochen. Zusammen mit meinem Grundwissen zu Bitumen ergibt sich ein Gesamtbild, warum Asphalt bricht, reisst, sich verformt, bröckelt und welche Schutzmassnahmen möglich sind.
Frage: Wie sieht die Zukunft aus?
RC: Erfahrungen in Deutschland mit solchen digitalen Infrastrukturerhebungen zeigen, dass hier ein riesiges Sparpotential für Gemeinden brach liegt. Wir haben in der Schweiz 52'000 km Gemeindestrassen. Diesen haben einen Wiederbeschaffungswert von CHF 70-80 Mia. Wenn wir es schaffen, die Lebensdauer zu verdoppeln - was in Deutschland bereits angestrebt wird - können wir zukünftigen Generationen eine stabile - und auch bezahlbare - Strasseninfrastruktur übergeben. Doch dazu braucht es den Willen aller Beteiligten: Gemeinden, Unternehmer, Verbände, Forschung müssen sich - wie in Deutschland oder Österreich - noch besser vernetzen und praktische Erfahrungen müssen ausgetauscht werden.
Frage: Drohnen und Videos?
RC: Für beide sind Verwendungen sinnvoll. Drohnen können mit dem Überfliegen und Fotos ein 3-D-Modell des Terrains erstellen. Doch für die Detailanalyse von Strassenschäden sind sie nicht geeignet. Wir nützen zudem Videos für eine schnelle, generelle Erfassung von Entwässerungsmängel und dem allgemeinem Schadensniveau. Eine Begehung ist aber trotzdem nötig.
Frage: Und Videos mit 3-D-Möglichkeiten?
RC: Eine faszinierende Technologie, welche in dichtem Siedlungsgebiet wie in Städten grosse Vorteile bringt. In ländlichen Regionen, also in kleineren, mittleren Gemeinden oder Bergregionen jedoch ist das Verfahren nicht so geeignet, da letztendlich nur die Begehung ausreichend Informationen liefert.
Frage: Noch ein Tipp am Schluss für Gemeinden?
RC: Ja, sie sollen mit uns Kontakt aufnehmen, wir haben gute Neuigkeiten (lacht). Und zweitens: sicherstellen, dass ihre Strassen gut entwässert werden. Denn gerade in den Perioden häufiger Frost-Tauwechsel ist ein Wasserrückhalt Gift für die Strasse - wie Zucker für die Zähne!

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